Bei dem Gleitschleifen handelt es sich um ein
chemisch-mechanisches Verfahren zur gleichzeitigen Reinigung, Entgratung
und Oberflächenveredelung. Dabei werden die zu bearbeitenden
Werkstücke zusammen mit Schleifkörpern (Chips) in einen Arbeitsbehälter gegeben und relativ zueinander bewegt,
so dass sich eine Schleifbewegung ergibt. In vielen Fällen wird zudem
ein Compound
(Bearbeitungsfluid) zugegeben, um die Reinigung und Bearbeitung
chemisch zu unterstützen. Metallabtrag, Schleifbild und
Oberflächenrauheit hängen in erster Linie von der Zusammensetzung und
Größe der Chips ab, während die Reinigungs- und Entfettungswirkung
vornehmlich durch die Compounds bestimmt werden. Da es sich beim
Gleitschleifen um ein abtragendes Verfahren handelt, muss mit
Kantenverrundungen und Geometrieveränderungen gerechnet werden. Beruht
die Reinigung ausschließlich auf der chemischen Wirkung des
Reinigungsfluids und werden keine Schleifkörper eingesetzt, entspricht
das Verfahren der Trommelreinigung.

Fliehkraftanlage: Walther Trowal
GmbH & Co KG
Physikalischer Hintergrund
Bei dem Gleitschleifen können, je nach
Erzeugung der Relativbewegung zwischen Werkstücken und
Schleifkörpern, vier Verfahrensvarianten unterschieden werden:
Haupteinsatzgebiete
Bei dem Gleitschleifen handelt es sich um ein
chemisch-mechanisches Verfahren zur gleichzeitigen Reinigung, Entgratung
und Oberflächenveredelung. Die Anwendungsbereiche umfassen das
Aufhellen, Polieren, Entgraten, Verrunden, Glätten, Glänzen, Schleifen,
Entfetten, Entzundern, Entlacken und Entrosten von Bauteilen verschiedenster
Art.
Bei den meisten Gleitschleifverfahren ist eine Handhabung der zu reinigenden
Bauteile als Schüttgut erforderlich. Durch das
Schleppschleifen
können jedoch auch große und empfindliche Bauteile ohne gegenseitige
Berührung gereinigt werden.
Typische Werkstücke, die durch Gleitschleifen behandelt werden, sind:
Stanzteile, Gussteile, Schmiedeteile, Getriebeteile, Hydraulikkomponenten,
Werkzeuge, Armaturen, Beschläge, Bestecke, Messer, chirurgische Instrumente,
Implantate, Turbinenschaufeln, Zahnräder, Waffenteile, Patronenhülsen, Stifte,
Kontakte, Federn, Münzen, Keramik-, Gummi- und Kunststoffteile usw.
Die Bauteile weisen nach dem Gleitschleifen
hochreine Oberflächen mit geringer Rauhtiefe auf. Da es sich beim
Gleitschleifen um ein abtragendes Verfahren handelt, muss jedoch mit
Kantenverrundungen und Geometrieveränderungen gerechnet werden.
Umwelt- und Arbeitsschutz
Beim Gleitschleifen tritt wegen der häufigen mechanischen Stöße zwischen den Werkstücken, den Schleifkörpern und der Trommelwand
oft ein erheblicher Lärmpegel auf. Deshalb sind entsprechende Schutzmaßnahmen, wie
zum Beispiel Schallschutzhauben oder das Tragen von Gehörschutz, zu
berücksichtigen.
Das Abwasser aus Gleitschleifprozessen enthält
neben den von den Bauteilen abgelösten Verschmutzung auch feinen Schleifkörper-
und Werkstückabrieb, der abgetrennt und entsorgt werden muss.
Die beiden meistverwendeten Verfahren hierzu sind die Aufbereitung in einem Flockungsreaktor
und die Aufbereitung in Zentrifugen. Das gereinigte Prozesswasser kann dann meist im
Kreislauf geführt werden. Frischwasser ist in der Regel nur in geringer Menge zur Ergänzung
des Prozesswassers erforderlich.
Anlagen und Kosten
Die Anlagen, die für das Gleitschleifen eingesetzt werden, können
hinsichtlich dem Wirkprinzip zur Umwälzung der Bauteile und Schleifkörper
unterteilt werden in:
- Schwerkraftanlagen
- Fliehkraftanlagen
- Vibrationsanlagen
- Schleppschleifanlagen
Schwerkraftanlagen
Bei den Schwerkraftanlagen wird die Umwälzbewegung
der Bauteile und Schleifkörper durch eine umlaufende Trommel bzw. Glocke
realisiert. Die sechs- oder achteckigen Trommeln haben, je nach zu
reinigender Werkstückgröße,
einen Durchmesser von einigen 100 mm bis über 1000 mm. Sie werden
oftmals mit elastischem Kunststoff
oder Gummi ausgekleidet, um die Lärmentstehung zu vermindern und
eine Beschädigung der Trommel durch die Schleifkörper zu minimieren.
Das wirtschaftlichste Arbeitsvolumen liegt bei ca. 45 % bis
60 % des Trommelvolumens.
Die optimale Drehzahl liegt meist im Bereich zwischen 15 und 60 U/min. Bei schweren
Werkstücken wird empfohlen, die Füllmenge auf 75 % des Trommelvolumens
zu erhöhen und die Drehzahl zu senken, um starke Aufschlageffekte
der Werkstücke und somit deren Beschädigung, sowie störenden Lärm
zu verhindern.
Die Be- und Entladung erfolgt bei fliegend gelagerten
Trommeln durch
eine Klappe an der Stirnseite, bei beidseitig gelagerten Trommeln
an der Umfangsseite. Ein Nachteil ist
der für Trommelgleitschleifanlagen typische Chargenbetrieb. Ein
weiterer Nachteil ist die deutlich geringere Schleifleistung gegenüber
den Schleppschleif- und Fliehkraftanlagen.
Rösler
Gleitschlifftechnik
Wrede Maschinenfabrik GmbH
Fliehkraftanlagen
Die Fliehkraftanlagen können, entsprechend ihrer
Arbeitsweise, unterteilt werden in Planetentrommelanlagen und zylindrische
Behälter mit rotierenden Böden (siehe
physikalischer
Hintergrund). Heutzutage werden nahezu ausschließlich Behälter mit
rotierenden Böden eingesetzt. Planetentrommelanlagen sind in der Praxis
kaum mehr von Bedeutung.
Heute übliche Fliehkraftanlagen werden mit
Behältergrößen bis zu 500 Litern und einer Leistung bis ca. 5 kW bei
manuellen, bzw. ca. 30 kW bei 2-Chargen Anlagen, geliefert. Die Drehzahlen
liegen zumeist zwischen 50 U/min und 300 U/min.
Aufgrund der hohen realisierbaren Schleifdrücke
können mit Fliehkraftanlagen auch leichte Werkstücke, wie Federn,
Kontakte, Nieten, Uhren- und Elektronikteile, in verhältnismäßig kurzen
Zeiten (bis 30-mal kürzer als bei Vibrationsanlagen) bearbeitet
werden.
Rösler Gleitschlifftechnik
Vibrationsanlagen
Bei den Vibrationsanlagen wird die Umwälzbewegung der
Werkstücke und Schleifkörper durch Vibration realisiert. Aus dem
Verfahrensprinzip resultiert ein nur geringer Schleifdruck, der eine nur geringe
Schleifleistung zur Folge hat. Das optimale Verhältnis der Werkstücke zu den Schleifkörpern liegt, je nach
Anwendungsfall, bei 1:6 bis 1:2. Außerdem sollte das Werkstück-Schleifkörper-Gemisch
den Vibrationsbehälter zu 60 % bis 80 % ausfüllen. Ist
der Füllgrad geringer, hat die geringere Anpresskraft eine geringere Schleif-
bzw. Reinigungsleistung zur Folge. Die Erhöhung der Frequenz bewirkt, bis zu einem gewissen Wert, auch eine
Erhöhung der Reinigungsleistung. Bei den Vibrationsanlagen
können drei Bauformen unterschieden werden.
1. Rundvibratoren
Bei
Rundvibratoren handelt es sich um ringförmige Behälter, in denen das
Werkstück-Schleifkörper-Gemisch durch Vibration zum Umlaufen gebracht
wird. Diese robusten, einfach zu handhabenden Anlagen sind für ein sehr
weites Anwendungsspektrum einsetzbar. Anlagen mit manueller Be- und
Entladung werden hauptsächlich für Kleinserien und Einzelfertigung
verwendet, da hier nur ein chargenweiser Betrieb möglich ist. Nach
jedem Bearbeitungsdurchgang muss der ganze Inhalt herausgenommen und
anschließend das Werkstück-Schleifkörper-Gemisch separiert werden. Mit
entsprechenden Peripheriegeräten für die Werkstückbeladung und
Nachbehandlung sind Rundvibratoren aber auch zum vollautomatischen
Bearbeitungszentrum ausbaubar.
Rösler Gleitschlifftechnik
2. Trogvibratoren
Dieser Anlagentyp wird zumeist in Anwendungsbereichen
eingesetzt, in denen der größte Rundvibrator aufgrund der Werkstückabmessungen
nicht mehr ausreicht. Trogvibratoren eignen sich besonders für beschädigungsempfindliche
Grossteile, die auch in separaten Kammern ohne gegenseitiges Berühren
bearbeitet werden können. Trogvibratoren werden bis zu einer Länge von 12 m und einer
Antriebsleistung bis zu 22 kW gebaut. Die Beladung kann
entweder manuell erfolgen oder auch automatisiert werden. Bei den manuell
beladenen Vibratoren handelt es sich meistens um Mehrbehälteranlagen, die einen wirtschaftlichen
Chargenbetrieb ermöglichen. Dabei findet nur eine reine Umwälzung des
Behälterinhalts statt, ohne dass eine Fortbewegung des Inhalts erfolgt. Automatisierte
Trogvibratoren transportieren den Inhalt kontinuierlich von einem Ende an
das andere.
Rösler Gleitschlifftechnik
3. Spiralvibratoren
Bei den Spiralvibratoren
durchlaufen die Werkstücke mehrmals einen spiralförmigen Behälter. Am oberen Spiralende
werden sie zu dem tiefer liegenden Behälteranfang befördert und durchlaufen
dann erneut die Anlage. Dies erlaubt eine "First in - First
out"-Bearbeitung auf einer gestreckten Länge bis zu 27 Metern in
variablen Durchlaufzeiten. Der hohe Automatisierungsgrad dieses
Verfahrens, seine Eignung für den Durchlaufbetrieb und der geringe
Platzbedarf stellen wichtige
Vorteile gegenüber den anderen Varianten dar.
Rösler Gleitschlifftechnik
Schleppschleifanlagen
Das Schleppschleifen wird angewendet, wenn eine gegenseitige Berührung
hochwertiger, empfindlicher Werkstücke verhindert werden soll.
Gegenüber dem Vibrationsgleitschleifen
erzielt das Schleppschleifen eine bis zu 40-fach höhere Schleifleistung. Somit werden
auch bei extrem harten, schwer zerspanbaren Materialien nach nur kurzer
Bearbeitungszeit extrem reine und glatte Oberflächen erreicht. Auch
konturreiche Teile mit komplexer Geometrie können gleichmäßig geschliffen
werden. Somit kann das Schleppschleifen auch als Ersatz für aufwendige und teure
Handarbeit an sehr hochwertigen Bauteilen eingesetzt werden.
Das Be- und Entladen von Schleppschleifanlagen erfolgt
in der Regel von Hand, lässt sich mit Hilfe von pneumatisch betätigten Schnellverschlusskupplungen
für die Aufnahme der Werkstücke jedoch auch automatisieren.
Rösler Gleitschlifftechnik
Referenzen
H.-M. Beier
Industrielles
Entgraten
Verlag Technik,
1990
H.-M. Beier
Handbuch
Entgrattechnik
Hanser-Verlag,
1999
W. Burkart
Handbuch für das
Schleifen und Polieren
Eugen G. Leuze
Verlag, 1991
H. E. Hinz
Gleitschleifen:
Grundlagen, Maschinen, Chips, Compound, Analysen, Abwasser, Kostenrechnungen
Expert-Verlag,
1980
H. Prüller
Grundlagen der
Gleitschleiftechnik
Entgrat-Technik:
Entwicklungsstand und Problemlösungen (1992),
S. 43-73,
1992
K. Przyklenk, M.
Schlatter
Entgraten von
Werkstücken aus Aluminium - Stand der Technik
Aluminium-Verlag,
1987
F. Schäfer
Entgraten -
Theorie, Verfahren, Anlagen
Krausskopf-Verlag,
1975